Von Adina, 30. September 2017

Wir müssen nicht – Wir wollen hier sein

Der Mahlitzscher Bio-Hof lebt von und mit dem Tier, dem Menschen und der Umwelt

Feldbearbeitung auf dem Demeter Hof-MahlitzschIst Bio gleich Bio? Wer den Mahlitzscher Bio-Hof kennt, wird diese Frage ganz klar mit „Nein“ beantworten können. „Leider nimmt die Aldi-Mentalität im Biobereich spürbar zu.“ Nadja Müller, seit zwei Monaten verantwortlich für das Marketing bei den Mahlitzschern, spielt auf den Preisdruck der Bio-Großhändler an. Hier kann der Hof, der streng nach Demeter-Richtlinien arbeitet, längst nicht mehr mitmischen. Wenn der Großhandel auf Masse geht und immer mehr Produkte in den Handel bringt, die zwar bio sind, aber unter viel niedrigeren Standards produziert werden, als es die Anbauverbände wie Demeter, Naturland oder Gäa vorsehen, können solche Höfe die Preise nicht halten. „Deswegen ist es unser Hauptanliegen, den Endkunden direkt anzusprechen. Das gelingt Mahlitzsch über die Verbrauchergemeinschaften, die Bioläden im Dresdner Umland, aber eben vor allem über die Ökokiste.

Darin können sich Verbraucher Bioprodukte nach Wunsch an die Haustür liefern lassen. „Unser wichtigstes Standbein wird seit vielen Jahren sehr gut angenommen. Sogar aus dem Raum Chemnitz hatten wir Anfragen. Soweit fahren wir allerdings nicht. Uns geht es um Regionalität,“ erklärt uns Hof-Gründerin und Abokisten-Chefin Elke Steul.
Zur Zeit werden um die 700 Ökokisten in der Woche gepackt. „Darin sind mehr als 50 Prozent Produkte, die von unserem Hof kommen,“ erzählt Nadja stolz. Mahlitzsch betreibt neben der Milchwirtschaft mit 60 Milchkühen – übrigens unter den sorgenden Händen von Nikola und Christine Burgeff – eine eigene Molkerei und Bäckerei und baut Gemüse sowie Feldfrüchte an.

Mehr Ökokisten übers Land bringen

Gern will man 1000 Ökokisten und mehr in der Woche packen. Nicht zuletzt, um dafür auch ein bisschen die Werbetrommel zu rühren, war Livona Mitte September eingeladen, hinter die Kulissen der Marke „Mahlitzsch“ zu schauen, den inzwischen 40 Mitarbeitern Löcher in den Bauch zu fragen und mit der Kamera festzuhalten, was die Mahlitzscher nach nun fast 25 Jahren erreicht haben.

Im nächsten Jahr soll das übrigens gebührend gefeiert werden und zum Hoffest am 23. Juni 2018 sind jetzt schon Alle eingeladen. Auf die Finger schauen darf man den Erzeugern auf ihrem Hof bei Nossen übrigens das ganze Jahr. Man arbeitet transparent und macht einen Besuch im Kuhstall oder der Hofbäckerei, wenn es irgend geht, möglich.

Doch zurück auf Anfang: Los ging es 1993. Drei junge Paare hatten sich in der Nähe von Frankfurt, in der Landbauschule Dottenfelderhof, kennen gelernt und schnell war klar, dass man ein gemeinsames Ziel verfolgt: Einen Hof zu betreiben, der biologisch-dynamisch arbeitet und dort gemeinsam zu leben und zu wirtschaften. Im sächsischen Mahlitzsch fand man dafür die optimalen Bedingungen.

Die sechs Gründer, alle inzwischen in den Fünfzigern, führen heute noch die Fäden einer lebendigen Genossenschaft zusammen. Neben der Viehwirtschaft, dem Hofladen, der Bäckerei, dem Acker- und Gemüseanbau sowie der Waldwirtschaft, engagiert man sich sehr für den Nachwuchs. Mahlitzsch ist Ausbildungsbetrieb – demnächst wird die Abschlussprüfung der Demeter-Lehrlinge hier stattfinden – bietet Führungen an und steht jeder Zeit für Interessierte Rede und Antwort.

Gemeinschaft ist in Mahlitzsch nicht nur eine Idee

Auch wir wollen natürlich endlich mehr wissen und sehen. Bevor uns Nadja zu den Gewächshäusern bringt, in denen die Tomatenernte in vollem Gang ist, dürfen wir Dennis ein wenig bei der Arbeit zuschauen.

Mit sichtbarem Gaudi pflügt er mit einem alten Trecker das ausgediente Kürbisfeld um. Naja, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und als Student der Fachschule für Agrartechnik und Gartenbau in Dresden-Pillnitz muss man nicht nur Bücher wälzen, sondern darf auch jede Menge Land- und Praxisluft schnuppern. Später werden wir Dennis beim gemeinsamen Mittagessen, das jeden Tag auf dem Hof frisch für Alle gekocht wird, wieder sehen. Die Mahlzeiten gehören, wie der tägliche Morgenkreis, der zum Gespräch einlädt, zu den den wichtigsten Ritualen am Hof. Denn Gemeinschaft ist hier nicht nur eine Idee, sondern wird aktiv gelebt. Privatbesitz gibt es nicht, alles fließt in den Förderverein.

Noch mehr junge, und überzeugend glückliche Leute treffen wir in den Kräuterbeeten. Man hatte die Damen vorgewarnt, dass heute die „Presse“ kommt. Von Hand werden hier frische Kräutersträuße gebunden. Dabei ist auch Julia. Sie hat schon eine Fachausbildung zur Landwirtin hinter sich und kam noch mal freiwillig nach Mahlitzsch, bevor sie ihr Studium beginnt.

Minzblattkäfer bei der Arbeit
Während sich eine Hornisse im Lavendelfeld einen Schmetterling schmecken lässt, wird gefachsimpelt. Darüber, wie der Anbau von Ananaskirschen, einer nahen Verwandten der Physalis gelingt und über den Minzblattkäfer, einem wirklichen schönen Vorzeigemodell seiner Art, der leider ein echter Schädling ist und in Größenordnungen über die Bio-Minze herfällt. Feine Netze sollen das leuchtend grüne Krabbeltier von den Kräutern fernhalten, denn eine Behandlung mit herkömmlichen Insektiziden und Pestiziden kommt nicht in Frage.

Vor dem Mittagessen dürfen wir kurz das Ehepaar Steul begrüßen. Philipp Steul leitet den Ackerbaubereich des Hofes, seine Frau Karin die Backstube. In selbige wollen schnell noch einen Blick werfen. Um diese Tageszeit ruht hier der Betrieb allerdings schon. Zu zweit beginnt man hier täglich um drei Uhr früh und bäckt an die 12 Sorten Brot und sechs Sorten Brötchen. Der Löwenanteil wird über die Ökokisten und den sehr erfolgreich laufenden Hofladen vertrieben. „Wir würden gern mehr schaffen und früher das Backen beginnen. Dafür brauchen wir aber mindesten einen Bäcker mehr, den wir zur Zeit händeringend suchen.“ Mit dem Personalmangel spricht Nadja ein Sorgenkind an. Denn nicht nur die Backstube könnte mehr Auslastung vertragen. „Auch den Obstanbau würden wir gern aufbauen, oder Hühner halten, um Eier von unserem Hof anzubieten. Hier ist noch soviel Spielraum für Produktbereiche, die Mahlitzsch selbst ausfüllen könnte, anstatt die Waren zu zu kaufen,“ bedauert Nadja. Dafür bräuchte es aber neue Mitstreiter, das Land ist vorhanden.

Das wenige Mahlitzscher Fleisch, das über den Hofladen vertrieben wird, verarbeitet ein ortsansässiger Fleischer. „Stressfleisch wollen wir nicht. Wir versuchen ohne große Transporte der Tiere auszukommen,“ betont Nadja. Wie wir erfahren, widmet sich diesem Thema, derzeit sogar eine lokale Projektgruppe von Demeter-Landwirten. Mit Blick auf den Weidenkindergarten, in dem die jungen Kälber von Ammenkühen liebevoll umsorgt werden, lassen wir auf der Sonnenterrasse des Hofbistros unseren Besuch ausklingen. Allen Besuchern empfehlen wir übrigens einen Blick aus der Hintertür des Hofladens, denn hier darf allerlei glückliches Getier bestaunt werden.

Was ist Demeter?

Ganz klar. Bio ist eben nicht gleich Bio. Denn wer im Rahmen eines Bio-Anbauverbandes wirtschaftet, arbeitet nach strengen Richtlinien, die weit über die EG-Öko-Verordnung hinausgehen. Das übergeordnete Ziel aller Anbauverbände ist es, die ökologische Landwirtschaft weiter zu entwickeln. Dazu haben die einzelnen Verbände Richtlinien geschaffen, die spezifischer und strenger sind, als die der EG. Beteiligte Landwirte bewirtschaften den Hof komplett nach ökologischen Maßstäben und „bio“ darf sich nur nennen, was auch 100 Prozent bio ist. Zusätzlich zu den staatlichen Bio-Kontrollen, prüfen die Verbände regelmäßig ihre Mitglieder auf Einhaltung der vereinbarten Bestimmungen. Der erhebliche Mehraufwand für die Produzenten und Hersteller rechtfertigt sich durch ein erhöhtes Vertrauen, dass ihnen die Verbraucher entgegenbringen können.

Demeter hat als Pionier der Bio-Branche 1994 als erster Anbauverband ökologische Richtlinien für die Verarbeitung von Lebensmitteln erarbeitet. Der Demeter-Anbauverband ist ein Verfechter der biologisch-dynamischen Landbewirtschaftung, die auf Rudolf Steiner, den Vater der Waldorfpädagogik und der anthroposophischen Heilweise zurückgeht. Demeter hat die Biodynamik, als älteste und nachhaltigste Form der Landwirtschaft weiterentwickelt und zukunftsträchtig gemacht.

Der Boden bzw. die Erde wird bei Demeter als lebendiger Organismus geistigen Ursprungs betrachtet. Die hohe Lebensmittelqualität beruht auf dem stetigen Wachstum der Humusschicht, die Kohlendioxid bindet und somit dem Treibhauseffekt entgegenwirkt. Eigene, sorgsam zusammengestellte Präparate aus Mist, Heilpflanzen und Mineralien sichern diese gewünschte Qualität der Anbauflächen. Auf synthetischen Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel wird selbstverständlich verzichtet. In der Verarbeitung verzichtet man auch auf jegliche künstliche Zusatzstoffe. Dabei wird ein möglichst geschlossener Betriebsorganismus angestrebt. Das heißt, das Futter für die Tiere wird auf dem eigenen Hof erzeugt, ebenso der natürliche Dünger, der bei der Tierhaltung entsteht. Biologisch-dynamische Kompost- und Spritzpräparate aus eigener Herstellung helfen den Prozessen auf die Sprünge. Vielseitige Kulturen und systematische Fruchtfolgen sichern die Qualität der Produkte. Tiere bekommen eine achtsame Zuwendung und werden artgerecht gehalten. Und nicht zuletzt geht es um den Menschen und um ein gesundes und faires Miteinander.

Vielen Dank an die Mitarbeiter vom Hof Mahlitzsch für ihr Engagement und die Zeit, die sich sich für uns genommen haben.

Kontakt:
Demeter-Hof Mahlitzsch
GbR Heynitz, BSS
Familien Burgeff, Schwab & Steul
Mahlitzsch Nr. 1
01683 Nossen / OT Mahlitzsch

Telefon: (035242) 65620
Telefax: (035242) 656219
E-Mail: oekokiste@hof-mahlitzsch.de
Internet: https://www.hof-mahlitzsch.de

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